Mensch aus Glas

Oft hören wir Fragen wie „Aber, was wenn mit meiner Spende Alkohol oder Drogen gekauft werden?“ oder „Wie kann ich sicher sein, dass meine Spende für das Richtige ausgegeben wird?“
Spenden, so lautet unsere Antwort jedes Mal, sind bedingungslos. Wer sich entscheidet zu geben, sollte dies ohne Erwartungshaltung tun.
Wir haben kein Recht, einem anderen Menschen vorzuschreiben, wofür er oder sie sein Geld ausgibt.
Manchmal sieht man in der Innenstadt Menschen mit Schildern vor sich sitzen. Darauf ist zu lesen „für Essen“, „für Alkohol“ und so weiter. Vor jedem Schild steht ein Becher.
Durchaus möglich, dass schon diese Schilder eine Reaktion auf eben die immer wiederkehrenden Fragen sind, wofür das Geld verwendet wird.
Aber selbst wenn es andere Gründe dafür gibt, entblößen diese Schilder bis zu einem gewissen Grad.
Die in England entwickelte App „Greater Change“ geht einen bedeutenden und gleichermaßen schrecklichen Schritt weiter: Sie macht die Menschen gläsern. Sie sagt: „Schau her, ich bin es wert, dass Du mir hilfst.“
Über einen Barcode, der den Teilnehmenden um den Hals hängt, können Vorübergehende sich Auskunft darüber geben lassen, für welchen Zeck das Geld eingesetzt werden soll und per Handy bargeldlos spenden.
Der Initiator lässt sich wie folgt zitieren:
„Die Leute zögern zu spenden, weil sie sich nicht sicher sind, was die Obdachlosen mit dem Geld machen. Und deshalb haben wir die Lösung gefunden: Man kann das Geld per Smartphone spenden, und zwar auf ein zweckgebundenes Konto.“
Nun stelle man sich vor, beispielsweise der Arbeitgeber verlangte eine minutiöse Aufstellung über das eigene Privatleben und Rechenschaft über die getätigten Ausgaben. Das mutet nicht nur absurd, sondern übergriffig an.
Menschen ohne Obdach aber verlangt man eben diese Rechenschaft über ihr Leben ab, was sowohl ethisch als moralisch mehr als nur fragwürdig ist.
Das Beispiel mag dem ein oder anderen vielleicht nicht ganz passend erscheinen.
Dazu eine kleine Geschichte:
Vor Jahren trafen wir M., ein junger Mann in den Dreißigern, den die Umstände seines Lebens auf die Straße brachten.
M. hatte einen festen Platz im Stadtgebiet, an dem er zu festen Uhrzeiten saß. Von morgens bis zum frühen Nachmittag. Sechseinhalb Stunden, von Montag bis Freitag.
Und M. begriff diese sechseinhalb Stunden als Arbeitszeit. Das eingenommene Geld verwandte er auf festes Schuhwerk, Hundefutter, Tierarztrechnungen oder Bücher.

Die Welt um uns herum ist stetig im Wandel. Wünschenswert ist ein „Greater Change“ sicher, jedoch im Sinne der gleichwertigen Wahrnehmung, des Kontakts auf Augenhöhe und im besten Falle der Chancengleichheit.
Apps, die bargeldlose Spenden ermöglichen gehören vielleicht zu einer Zukunft, in der das Bargeld Vergangenheit ist. Aber genau wie bei Barspenden muss auch hier gelten: Geben ist bedingungslos.

Beitrag von Deutschlandfunk Nova lesen

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